Abstract: Mit dem Projekt forum-bewertung soll im Internet ein offenes Netzwerk aufgebaut werden, in dem alle zentralen Fragen der historischen Überlieferungsbildung diskutiert werden können. Das Angebot richtet sich sowohl an Archivare als auch an Fachwissenschaftler (einschließlich interessierter Laien) und an Verwaltungsfachleute. Geplant ist, in einem Prozeß des fortlaufenden und damit ständig aktualisierbaren Informationsaustauschs neben grundsätzlichen Problemen vor allem für konkrete Bewertungsentscheidungen in einzelnen Sachbereichen und in bezug auf unterschiedliche Quellentypen kompetentes Wissen zu erschließen und für die Verantwortlichen verfügbar zu machen. Auf diese Weise kann die historische Überlieferungsbildung in den Archiven ein höheres Maß an Transparenz, Bürgernähe und demokratischer Legitimation gewinnen. 


1.   Das Problem der archivischen Überlieferungsbildung

2.   Die Idee eines Bewertungs-Forums im Kontext der Verwaltungsreform

3.   Die Möglichkeiten des Internets

4.   Überlegungen zur konkreten Ausgestaltung eines Bewertungs-Forums im Internet

5.   Aufruf zur Teilnahme an alle Interessierten

1.  Das Problem der archivischen Überlieferungsbildung

Wer in ein Archiv geht, sucht dort nach der schriftlichen Überlieferung vergangener Epochen. Und wenn nicht Kriege und andere Katastrophen das Gegenteil vermuten lassen, dann erwartet er in der Regel auch, daß von der schriftlichen Überlieferung alles oder doch wenigstens das meiste noch vorhanden ist. Oft erst im nachhinein wird vielen Benutzern klar, daß diese Erwartung an der Realität der Archive vorbeigeht: Archive verwahren immer nur in Auswahl. Das war schon in den Auslesearchiven des Mittelalters und der Frühen Neuzeit der Fall und ist es erst recht heute in den modernen Verwaltungsarchiven, wo die ständig wachsende Menge behördlichen Schriftguts zu einer äußerst rigiden Beschränkung zwingt. Nur etwa 1-5 % der in den Behörden zur Aussonderung freigegebenen Akten gelangt heute überhaupt ins Archiv. Welche 1-5 % das sind, darüber entscheidet der Archivar, indem er das Material in seiner Gesamtheit bewertet. Diese Form der bewußten Entscheidung über die historische Überlieferung gehört zu den schwierigsten und verantwortungsvollsten Aufgaben des Archivars überhaupt. Sie ist mit einer Vielzahl von Fragen und Problemen behaftet; ein nicht geringer Teil davon sind Informationsprobleme; sie resultieren aus einer mangelnden Verfügbarkeit qualifizierten Wissens: Wo finde ich Literatur zur Behördengeschichte, wo Aktenpläne und Geschäftsordnungen? Welcher Kollege kennt sich aus, wo wurde eventuell bereits ein Bewertungsmodell für ähnlich geartete Bestände erstellt, wie hat es sich bewährt? Und nicht zuletzt: Welche Forschung hat sich mit dem zu bewertenden Bereich auseinandergesetzt, was waren ihre Fragestellungen und was sind ihre Ergebnisse? Um alle diese Fragen im Einzelfall kompetent und trotzdem innerhalb einer begrenzten Zeit beantworten zu können, fehlt es gegenwärtig noch vor allem an einem ausgearbeiteten und effektiven Wissensmanagement, das die verschiedenen fachlichen und beruflichen Arbeitsbereiche, die bei der Überlieferungsbildung zusammenspielen, in der notwendigen Weise miteinander verbindet. Ein solches Konzept zu entwickeln und praktisch bereitzustellen, ist das Ziel des Internet-Projekts: forum-bewertung.

2.  Die Idee eines Bewertungs-Forums im Kontext der Verwaltungsreform

Anders als in den fest umgrenzten Gremien der berufständischen Vereinigungen, anders auch als in den geschlossenen Arbeitsgruppen der Archivreferenten, ermöglicht ein offenes Internet-Forum nicht nur den Austausch der Archivare untereinander, sondern zugleich auch die Einbeziehung von Verwaltungsfachleuten und Wissenschaftlern aus den unterschiedlichsten Disziplinen. Für den Archivar ist gerade letzteres, die Einbeziehung vielfältiger Forschungsinteressen, von zentraler Bedeutung. Neben der Verwaltung stellt die Wissenschaft nach wie vor die wichtigste Kundschaft des Archivs. Schon deshalb muß der Archivar sich möglichst zeitnah mit der Arbeit der Wissenschaftler auseinandersetzen und ihre Bedürfnisse kennen. Nur so ist er in der Lage, seine Überlieferungsbildung jenseits immer wieder erhobener, letztlich aber nur schwer einlösbarer Ansprüche auf zeitlose Gültigkeit an der konkreten Wissens- und Nachfragesituation zu orientieren und entsprechend zu gestalten. Archive würden auf diese Weise eine Gelegenheit erhalten, selbst einen aktiven Beitrag zur Reform der öffentlichen Verwaltung zu leisten. Indem sie sich ihrer Umwelt gegenüber weiter öffnen, mehr Möglichkeiten zulassen, flexibel auf äußere Veränderungen zu reagieren, könnten sie ein neues Niveau der Kundenorientierung erreichen und gleichzeitig die Wissensvoraussetzungen schaffen, um mit Blick auf die aktuellen Probleme der Überlieferungsbildung ihre Kapazitäten und ihren Ressourceneinsatz zu optimieren. Je komplexer sich im Übergang vom liberalen Rechts- zum Wohlfahrts- bzw. Steuerungsstaat das Behördenhandeln als Gegenstand archivischer Beobachtung gestaltet, je vielschichtiger zudem die Perspektiven sein können, unter denen Verwaltungshandeln historisch betrachtet werden kann, desto weniger lassen sich noch feste inhaltliche Regeln formulieren, nach denen ein traditionelles, einsames Entscheiden des Archivars in Fragen der Überlieferungsbildung möglich ist. Regeln müssen heute, wie in anderen Bereichen der Verwaltung auch, zwischen den Beteiligten oftmals erst ausgehandelt werden. Archive müssen zu diesem Zweck eintreten in den andernorts bereits erfolgreich eingeleiteten Prozeß der Public-Private-Partnership, bei dem "privates Kapital und Know-how" von außen "in staatliche Politik" (C. Strünck u. R. G. Heinze) eingebunden und dadurch im Gegenzug für die Verwaltung ein höheres Maß an Transparenz, Bürgernähe und damit zugleich an öffentlicher Legitimation erzielt werden kann. Im aktivierenden Staat können auch die Archive von der Bürgeraktivierung, den "Informationen" und dem "Wissen als Bürgerressourcen" (M. Spitzer), profitieren aber natürlich nur, wenn sie über eine entsprechende Infrastruktur verfügen. Hier liegt im Archivbereich der Ansatzpunkt für eine Ergänzung des Internet-Einsatzes, die nicht nur der Intensität nach, sondern in einem grundsätzlichen Sinne über die bisherige Praxis der Bekanntmachung von Adressen und Öffnungszeiten, der Bereitstellung von Bestandsübersichten und seit einiger Zeit auch von Online-Findbüchern und digitalisierten Quellen hinausgeht.

3.  Die Möglichkeiten des Internets

Die leitende Idee einer solchen Ergänzung besteht darin, daß das Internet, das selbst in den avanciertesten der gegenwärtigen Archivanwendungen vor allem als ein Informationssystem für die Benutzer dient, in Zukunft stärker als bisher in seiner spezifischen Leistungsfähigkeit als interaktives Medium genutzt wird: als Informationssystem nicht nur für die Benutzer, sondern auch für die Archivare. Zwar greifen diese heute schon vielfach auf Angebote ihrer Kollegen und anderer Einrichtungen im Internet zurück. Dadurch allein entsteht aber noch keine echte Kommunikation im Sinne eines Austauschs. Hierfür sind virtuelle Treffpunkte, thematisch spezialisierte Netzwerke notwendig, die insbesondere bei den Problemen der Überlieferungsbildung wichtige Dienste leisten könnten.

4.  Überlegungen zur konkreten Ausgestaltung eines Bewertungs-Forums im Internet

Mit Hilfe des Internets lässt sich auf relativ einfache Weise ein konzentrierter und fortlaufender Diskurs zwischen (wissenschaftlicher) Öffentlichkeit, Archiven und Verwaltung gewährleisten. Orientiert am Vorbild von H-Soz-u-Kult und anderer themenspezifischer Plattformen und Diskussionsforen, soll deshalb mit dem forum-bewertung im Internet ein zentraler Wissenspool im Bereich der Überlieferungsbildung aufgebaut und geplegt werden, der grundsätzlich allen Interessierten offensteht und deshalb ohne feste Bindung an eine bestimmte Einrichtung überregional organisiert ist. In seinem Aufbau orientiert sich das forum-bewertung (zumindest auf der obersten Ebene) am Prinzip der Provenienzen, indem es sein Informationsangebot nach (administrativen) Sachgebieten  (wie z.B. innere bzw. äußere Ordnung und Sicherheit, Finanzen, Justiz, Kultus und Bildung, Wirtschaft, Verkehr, Umwelt, Landwirtschaft und Forsten, Arbeit und Soziales usw.) untergliedert. Für jedes dieser Sachgebiete (oder auch für Gruppen von Sachgebieten) steht ein fachlich spezialisierter Betreuer zur Verfügung, der als Moderator für das entsprechende Arbeitsgebiet die Diskussion koordiniert. Innerhalb der einzelnen Rubriken sollen angeboten werden: 1. Informationen zur Geschichte, Organisation und Schriftgutverwaltung des jeweiligen Behördenzweiges und 2. Überlegungen zur Bewertung der entsprechenden Unterlagen.

5.  Aufruf zur Teilnahme an alle Interessierten

Das Konzept des Forums wird sich natürlich nur Schritt für Schritt in die Praxis umsetzen lassen; eine Reihe von Fragen wird dabei in theoretischer wie praktischer Hinsicht im Laufe der Arbeit noch präziser zu klären sein. Alle, die an der Weiterentwicklung des Projekts forum-bewertung Interesse haben, sind herzlich eingeladen, sich an den Diskussionen  zu beteiligen; für Hinweise, Anregungen, Unterstützung und Kritik, die das Projekt insgesamt betreffen, steht darüber hinaus auch ein Feedback-Formular zur Verfügung.